Persönliche Aufzeichnungen

Thomas Klaffke nennt im Artikel „Umgang mit Arbeitsbelastungen im Schulalltag“ (in: Lernende Schule 53/2011) drei Ebenen, die ihm im Umgang mit Belastung wichtig erscheinen: die professionelle, die personelle, die strukturelle.
Aus der zweiten Ebene, der personellen, ein kleiner, persönlicher Einblick in eine zu Unrecht als veraltet erscheinende Tätigkeit.

Im dritten Jahr nutze ich jetzt „persönliche Aufzeichnungen“ zur Reflexion. Ein alter und schöner Ausdruck hierfür:  „Tagebuch schreiben“.
Eine ehemalige Kollegin erinnerte mich an die Kraft von selbst geschriebenen Worten. Erinnerte mich daran, dass der Gedanke, erst wenn er aufgeschrieben ist und nicht nur gedacht, klarer vorliegt. Denken und überlegen lässt sich viel. Erst das aufgeschriebene Wort zwingt uns zur Genauigkeit. Dabei ist das sog. „Tagebuch“ ein schönes Mittel der Reflexion für den (nicht nur aber auch schulischen) Alltag.

Wie geht der Anfang?

In modernen Zeiten kann man mit einer Datei oder einer kleinen Tagebuch-App schnell starten. Programm starten und tippen. Wer’s mag.
Eine zweite Möglichkeit ist, sich bewusst für Papier und Stift zu entscheiden. Denn die Geschwindigkeit ist eine andere. Das langsame Gleiten des Stiftes über das Papier hilft dabei, den eigenen Gedanken besser zuzuhören. Das Schreiben am Rechner (und währenddessen Korrigieren zu können) führt dazu, sich selbst ein wenig zu „betrügen“, d.h. Gedanken wieder und wieder neu zu fassen und dann später aufzuschreiben. Es ist am Rechner zu leicht, ein schnell getipptes Wort zu ändern, Rechtschreibfehler, einzelne Worte oder ganze Ausdrücke zu korrigieren. Die Langsamkeit des Schreibens, die sichtbaren Korrekturen und das zu dem Moment gehörende Schriftbild sind mir wertvoll.
Als ich dann anfing, hatte ich lange, sehr lange nicht mehr längere Texte von Hand für mich geschrieben. Ich fing an und schrieb also täglich eine A5-Seite voll und mir taten anschließend die Finger der Schreibhand weh. Ich meinte sogar eine Druckstelle am Zeigefinger zu spüren…

Nach einem festen Vorgehen?

1. Ich versuche, täglich zu schreiben. Zu Beginn war es schwieriger, sich bewusst hinzusetzen und irgendetwas zu schreiben: Was sollte ein bemerkenswerter Anlass, was sollte ein wichtiger Gedanke für diesen Tag sein?
2. Also: Freier Fluss der Gedanken. Das, was im Kopf ist, kann aufs Papier. Was war, was ist, was soll sein? Wie habe ich mich gefühlt, was habe ich gelernt? Alles das hat kein festgelegtes Thema, kein Vorgehen, keine Struktur. Mal ist es eine Zeile („krank, müde, keine Lust zu schreiben.“), mal ein schöner Gedanke, mal eine Tirade, mal ein liebevoller längerer Text.
3. Ist das belanglos oder wertvoll? Egal. Denn ich schreibe für mich. Diese Gedanken wird niemand sehen, niemand lesen außer mir. Dieser Grundsatz ist mir wichtig und alle Familienmitglieder wissen das. Es entspannt, nicht für die Nachwelt, für spätere Leser zu schreiben (und deshalb einige Dinge abzuschwächen) und es macht in der Wortwahl freier. Und zugleich bin ich sicher, dass es für Außenstehende im Wesentlichen wirklich belanglos ist.
4. Es hilft, ritualisierte Zeiten zu haben: die Mittagspause oder 30 Minuten am Abend. Am Morgen habe ich es probiert. Doch das ist nicht so meins. Da ist mir der Kaffee näher als der Stift. Es gibt allerdings Tagebuchschreiber, die mögen es vor allem morgens.

In diesem Zusammenhang gefällt mir Mark Levys Buch „Geniale Momente“ am besten, der in persönlichen Aufzeichnungen einen Schlüssel zu kreativen Lösungen im Alltag sieht.

Und wozu?

Im Alltag ertappe ich mich, dass ein Tagebuch-Gedanke vom Vortag wieder durch den Kopf zieht, was ein schönes Gefühl ist, weil es mich an diese ruhigen Minuten mit Stift und Papier erinnert, weil es mich an die Reflexion meines gestrigen Gedankens erinnert.
Diese Momente verschaffen Abstand. Abstand zum eigenen Handeln, zu den eigenen Worten. Es hilft, gelassener mit stressigen Momenten und Konflikten umzugehen und es ist Teil davon, sich selbst ernst zu nehmen.
Selten, vielleicht ein oder zweimal im Jahr blättere ich zurück. Es ist erstaunlich, was wir vergessen. Es ist erstaunlich, was bleibt. Es ist erstaunlich, wie sich die Dinge weiterentwickeln.

 

[update: es gibt eine Blogparade beim Herrn Larbig, die sich mit Reflektierenden Praktikern beschäftigt. Die Sammlung von Artikeln läuft bis 15.09.2012]

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