H. Rosa: Situation und Konstellation

Das Cover von „Situation und Konstellation“ trügt: Es kommt so nüchtern und schlicht daher. Das Buch selbst ist jedoch wieder einmal (nach Resonanz, finde ich) ein echter Augenöffner über unseren modernen Alltag. Der Untertitel „Vom Verschwinden des Spielraums“ deutet an, worum es geht. Wir verlieren Freiräume, wir geben sie auf, ohne es sofort zu merken. Das Buch ist gerade erst Mitte Januar erschienen. Ein paar Gedanken nach der ersten Lektüre.

Nicht bloß Theorie: Situation vs. Konstellation

Rosa unterscheidet zwischen Situation und Konstellation: In Situationen ist etwas offen. Es braucht Urteilskraft, Fingerspitzengefühl, verantwortliches Entscheiden, weil die Lage nicht vollständig vorstrukturiert ist. Konstellationen sind dagegen so gebaut (durch Regeln, Formulare, Algorithmen, Kennzahlen,…), dass man sie vor allem Vollzug erzeugen. Der Punkt ist nicht, dass Regeln schlecht sind, sondern: Wenn immer mehr Lebensbereiche zu Konstellationen werden, schrumpft der menschliche Spielraum und damit das Gefühl, wirklich zu handeln.

Der verschwundene Spielraum: vom Handeln zum Vollziehen

Rosa zeichnet ein lebhaftes Bild unserer überregulierten Welt, in der Menschen immer seltener wirklich frei handeln können. Statt spontanem Entscheiden und klugem Abwägen dominieren Checklisten, Algorithmen und starre Richtlinien den Alltag. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik.
Diesen Shift vom Handeln zum Vollziehen illustriert Rosa mit wiederkehrenden Beispielen:

  • Der Burger-Verkäufer und der heruntergefallene Hamburger des kleinen Mädchens (er darf ihr keinen neuen schenken)
  • die Lehrerin in der Notengebung (der Erwartungshorizont als Punkteraster zu einer Klausur)
  • der Schiedsrichter und der Videobeweis in der Abseitssituation.

Überall zeigt sich: der Spielraum wird kleiner. Nicht schlagartig, sondern schleichend und häufig eben mit dem Gefühl, es „müsse eben so sein“.
Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wo Schule vom Handeln in den Vollzug kippt.

Lebendiges Plädoyer mit einem Sinn für Ambivalenz

Rosas Buch liest sich wie Warnruf und Ermutigung zugleich. Es benennt den Preis der Entwicklung: Wenn unsere Ermessensspielräume schrumpfen, fühlen wir uns entmündigt und kraftlos. Mit der Urteilskraft verkümmert auch die Handlungsenergie.

Und: Rosa macht auch deutlich, warum Konstellationen ihre sinnvolle Seite haben. Sie können vor Willkür, vor Ungerechtigkeit, vor reiner Laune schützen. Sie sichern Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit. Das Problem beginnt dort, wo Konstellationen nicht mehr stützen, sondern ersetzen, wo sie Urteilskraft nicht rahmen, sondern verdrängen.

Resonanz im Schulalltag

In Schule fühlen wir uns oft durchgetaktet: Stundenpläne, Lehrpläne, Verwaltungsakte, Digitalisierung. Und beim letzten Schulentwicklungstag diskutierten wir unter dem Oberthema „Leistungsbewertung“ leidenschaftlich über den Erwartungshorizont. Genau hieran wird der Unterschied zwischen Situation und Konstellation greifbar.

IIn der Betrachtung einer Klausur widersprachen sich pädagogischer Eindruck und standardisiertes Raster. Eine Lehrkraft wollte einer Schülerin eine gute Bewertung geben, begründet mit Kreativität, stilistischer Eigenständigkeit und persönlicher Entwicklung. Pädagogisch war das kein Bauchgefühl, sondern verantwortetes Ermessen mit Blick auf Lernbiografie, Leistungsspektrum, Entwicklung.

Dem gegenüber stand jedoch der standardisierte Rahmen, die Konstellation, in der diese Entscheidung plötzlich als „nicht objektiv abgesichert“ markiert wurde. Der Erwartungshorizont wurde so zum Problem. Auf einmal ging es weniger um das Kind und seinen Lernweg, sondern um Formalien, Gerechtigkeitsdiskurse und Prüfstandards. Eine pädagogische Entscheidung geriet in eine administrative Vollzugslogik.

Rosas Analyse half mir, diesen Konflikt klarer zu sehen: nicht als individuelles Problem, sondern als systemische Reibung zwischen dem Wunsch nach pädagogisch angemessenem Handeln und dem Druck zur Dokumentation, Nachweisbarkeit und Vergleichbarkeit.

Vielleicht beginnt Schulentwicklung genau dort: Konstellationen nicht leugnen, aber den Mut haben, sie menschlich zu gestalten.

Drei Rückeroberungen, die ich mitnehme

  • Ich merke, wie sehr ich mich nach Spielraum sehne: nicht nach Beliebigkeit, sondern nach der Möglichkeit, Situationen wirklich als Situationen zu behandeln: mit Blick, Verantwortung und Mut zur Entscheidung.
  • Ich will Urteilskraft stärken, ohne den Anspruch auf Fairness zu verlieren: Standards als Leitplanken, ja, aber nicht als Ersatz für pädagogisches Ermessen.
  • Ich möchte Schule als Resonanzraum verteidigen: gegen den reflexhaften Drang, alles zu vermessen, zu dokumentieren und abzusichern, bis am Ende nur noch Vollzug übrig bleibt.

Am Ende hat mich Rosas Buch inspiriert, mit neuen Augen auf die Welt zu schauen. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, den verlorenen Spielraum zurückzugewinnen: im Alltag, in Organisationen, auch in der Schule.

Schulentwicklung beginnt nicht da, wo wir Konstellationen abschaffen. Gerade auch im Sinne von Wisniewskis/Hatties De-Implementierung: Nicht alles, was sich regeln lässt, sollte geregelt werden. Sondern da, wo wir sie so bauen, dass Urteilskraft nicht verschwindet, sondern möglich bleibt. Führung ist dann weniger Vollzug und mehr gemeinsames Handeln in Resonanz mit Menschen, Situationen und dem, was sich nicht vollständig vermessen lässt.

Das Buch hat mich bewegt. Beim Zuklappen war ich wacher und mutiger, wieder bewusster gegen eine Totalvermessung des Alltags zu arbeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.