Offener Geburtstagsbrief an die 45min-Stunde

Liebe 45-Minunten-Unterrichtsstunde,

wir kennen uns jetzt schon so lange, so dass ich die persönliche Anrede im Du wage.
Lass mich mit einer großen Entschuldigung beginnen. Denn ich habe Deinen 100. Geburtstag vergessen…
Ja, denn vor 100 Jahren, genauer: am 22. August 1911 wurdest Du per Erlass vom Minister der geistlichen- und Unterrichtsangelegenheiten August Trott zu Solz in ganz Preußen ins Leben gerufen.
Er schrieb in seinem Runderlass:

Ich bestimme daher, dass an allen höheren Lehranstalten die Dauer der Unterrichtsstunde allgemein auf 45min festzusetzen ist.

Und damit warst Du da. Ein Wunschkind warst Du nicht. Denn man wollte damals mehr Stunden („Lektionen“) in den Vormittag stecken können. Man versprach sich bessere Konzentrationsfähigkeit, denn der Unterricht am Nachmittag galt als minderwertig. Weil die „Kürzeststunden“ aus rein organisatorischen Gründen eingeführt worden waren, war Dein Nutzen, liebe 45min-Stunde, früh umstritten.

„Diese Kurzstunde ist kein Ideal. Und so ist die Halbtagsschule als das anerkannt, was sie wirklich ist, nämlich ein übler Notbehelf.“
(zit. nach Martina Jahn, Vortrag Rhythmisierung, PDF)

Dennoch! Du hast Dich durchgesetzt! Wie um alles in der Welt hast du das geschafft?

In anderen Ländern sind deine Geschwister anders: In Österreich gibt es 50min-Stunden, in Frankreich 55min, in England und USA 60min.
Du hast es bis in unsere Hirne, unsere Biorhythmen geschafft. Ich erinnere mich an mein Referendariat, meine ersten Stunden, wo ich verzweifelt darum rang, meine geplanten Ziele und das Verhalten meiner Schüler in dein Korsett zu pressen. Es musste alles in 45 Minuten stattfinden, damit die Ausbilder, die mich besuchten & beobachteten, glauben konnten, dass ich Unterricht in Dich fügen kann. Es musste immer passen! Alles in Dich, alles in 45 Minuten. – Die Begrüßung, der Impuls, die Arbeitsphasen, die Zeitpuffer, die große Erkenntnis in den Köpfen, die Lernziele, die Kompetenzen und schlußendlich die Reflexion und die Ankündigung der Hausaufgabe. Damit bloß nicht das Pausenklingeln alles unterbricht. Damit bloß kein Leerlauf entstünde. Zwei Minuten zu früh fertig? Undenkbar, „da hätte man ja noch…“ Oder gar zwei Minuten in die Pause hinein? Unmöglich, „denn die Schüler wollen doch…“

Ich lernte – ganz tief in mir drin – bald intuitiv in Deiner Einheit zu denken, zu planen, Lernprozesse zu Deinem Beginn („Ding-Dang-Dongg…„) zu initiieren, immer flexibel zu bleiben, Dinge einzuschieben oder verkürzen zu können, um das ganze Geschehen kurz vor deinem Ende („Ding-Dang-Dongg…„) wieder zu unterbrechen. Um nach einer kurzen oder langen Pause im nächsten Klassenraum Lernen erneut in Dich zu fügen.
Heute wenden sich Schulen von Dir ab, planen im 60- oder 90min-Takt. Also –

Was soll ich dir zu deinem Hundertjährigen Schuljubiläum wünschen, liebe 45min-Unterrichtsstunde?
Ein langes Leben? Nein.

Ich wünsche Dir, dass Du dich veränderst und Dich ans Lernen anpasst.
Nicht umgekehrt.

 

 

5 Gedanken zu „Offener Geburtstagsbrief an die 45min-Stunde“

  1. Schau an! Das war mir völlig unbekannt. Wir haben zum Glück ein 90-Minuten-Raster und ich kann es mir kaum noch vorstellen, in 45 Minuten zu unterrichten, aber dass man schon von Anfang an die 45-Minuten-Stunde nur als halben Kompromiss gesehen hat, das ist mir neu.

    Wie bist du denn darauf gestoßen?

  2. Pingback: Als ob das Problem die Bücher wären » Kreide fressen

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