R. Simanowski: Sprachmaschinen

Im Lehrerzimmer sagte jemand neulich en passant: „Ich hab den Elternbrief jetzt mit ChatGPT geschrieben.“ Kurzes Nicken. Weiter im Tagesordnungspunkt. Kein Widerspruch, keine Diskussion, als wäre das längst geklärt. Dabei war genau nichts geklärt. Nur verschoben.

Nicht nur ein Werkzeug

Roberto Simanowski würde vermutlich sagen, dass es genau darum geht. In Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz beschreibt er Sprachmodelle nicht als bloße Werkzeuge, sondern als Medien, die sich zwischen uns und die Welt schieben. Und damit verändern sie auch, was von Denken, Urteilen und Schreiben übrig bleibt. Ein wirklich anregendes Buch, das hier genau in die Osterferien passte.

Der Rechenfehler

Ein wesentlicher Gedanke steckt für mich im Kapitel „Rechenfehler“. Ein Sprachmodell antwortet nicht mit dem, was wahr ist, sondern mit dem, was wahrscheinlich klingt. Wahrheit rutscht damit in Richtung Häufigkeit. Was oft gesagt wird, setzt sich leichter durch. Was begründet werden müsste, erscheint als plausibel verpackte Oberfläche. Simanowski macht deutlich, dass es nicht ein kleiner Schönheitsfehler ist, sondern der Kern der Sache. Wenn wir diesen Gedanken ernsthaft verinnerlichen, schauen wir anders auf die Zusammenfassungen, die uns die Sprachmodelle so hinlegen.

Daneben steht die „Zweiterziehung“: Simanowskis Begriff für das normative Finetuning nach dem Datentraining. Also die Frage, wer eigentlich entscheidet, was ein Modell sagen darf, wo es moralisch vorsortiert und welche Werte dabei eingeschrieben werden. Sein Ausdruck „Kampf der Kulturen“ ist mir (begriffsgeschichtlich) etwas zu aufgeladen. Aber die Frage dahinter ist ernst. Warum reden wir darüber so gar nicht?

Die fehlende Vision

Die Gesellschaft fährt auf Sicht – die Politik, die Bildung, selbst die Medien: niemand scheint sich ernsthaft zu fragen, wie wir in 10 Jahren leben wollen und wohin es mit der Digitalisierung und der KI-Entwicklung eigentlich gehen soll. […] Wo bleibt die öffentliche Debatte über die moralische Ausrichtung der Sprachmaschinen in einer demokratietauglichen Art und Weise? (S. 261)

Wir reden seit Jahren über Digitalisierung, aber fast ausschließlich im Modus der Ausstattung und Anpassung: Welche Geräte und Software, welche Kompetenzen brauchen Schüler/innen, um „fit für die Zukunft“ zu sein. Als wäre die Zukunft eine feststehende Größe, auf die man Leute vorbereitet wie auf eine Klassenarbeit. Die Frage, was für eine Zukunft wir eigentlich gemeinsam gestalten wollen, stellt kaum jemand. Und die Frage, wer bestimmt, welche Werte in die Sprachmodelle eingeschrieben werden, die unsere Schülerinnen täglich benutzen, die stellt fast niemand. (Außer Amodei, Zuckerberg und Altman in ihren Blogpost von „ihrer“ Zukunftsvision.) Simanowski hat recht: Das ist kein technisches Versäumnis. Das ist ein demokratisches.

Was verloren geht

Für Schule noch wichtiger ist sein Gedanke der „Entmündigungsschichten“. (Er hat übrigens noch so einige weitere schöne Wortneuschöpfungen, z.B. kommunikatives Falschgeld, Welttext – oder auch die Nutzung der KI im Lichte der Hegelschen Herr-Knecht-Dialektik).
Delegation kippt schleichend: Erst lässt man sich etwas formulieren, dann etwas ordnen, irgendwann merkt man, dass man die Frage selbst schon gar nicht mehr richtig gestellt hätte. Nicht aus Dummheit, eher aus Gewöhnung. Die Maschine ist schnell, glatt, oft so erstaunlich treffsicher. Dagegen wirkt das Eigene sperriger. Und genau da beginnt dann das Problem.

Die produktivste Idee des Buches kommt am Ende: Simanowskis Vorschlag einer „philosophischen Medienkompetenz“. Also nicht nur lernen, KI anzuwenden, sondern sie zu befragen. Was macht dieses Medium mit meinem Denken? Was verliere ich, wenn ich nicht mehr selbst suche, formuliere, mich verirre? Sein Vorschlag des „doppelten Fragens“ ist stark: einmal die Maschine fragen, einmal sich selbst. Plus zahlreiche Klein-Beispiele für den Unterricht, die er am Ende ins Buch feuert.

Ein Einwand bleibt

Genau hier wird das Buch für mich stark und zugleich angreifbar. Denn philosophische Medienkompetenz ist kein Nullkostenprogramm. Sie braucht Zeit, Sprache, Vorwissen und Frustrationstoleranz. In einer Klasse mit dreißig Schülerinnen, sechs Erstsprachen und drei Förderplänen sieht das anders aus als in einem Philo-Seminar. Wer seine eigene Sprache noch sucht, greift eher zur KI und nicht weniger. Wer nie gelernt hat, sich durch Suchbewegungen und Umwege zu arbeiten, nimmt aus guten Gründen die nächste Antwortmaschine.

Der Elitismuseinwand ist deshalb nicht billig, sondern notwendig. Funktioniert Simanowskis Gegenprogramm unter realen Bedingungen schulischer Breite? Oder vor allem dort, wo sprachliche Sicherheit und kulturelles Kapital ohnehin schon vorhanden sind? Das Buch streift diese Frage. Gerade weil Simanowski Bildung als Gegenmacht stark macht, hätte ich mir hier am Ende mehr pädagogische und institutionelle Konkretion gewünscht. Weiterhin bemüht der Autor zuweilen ChatGPT als Antwortmaschine. („so antwortete ChatGPT im April 2025 auf die Frage…“) Dabei geht es ihm in mehreren Abschnitten doch genau darum, dass die KI uns nach dem Mund redet und sich beständig weiterentwickelt. Simanowski erkennt und weiß das das ja, nutzt diesen inhaltlichen Zug der KI-Befragung aber dann doch erstaunlich oft.
Das schmälert das Buch nicht. Denn das dichte und inspirierende Werk hat philosophisch grundlegende und naja… fast zeitlose Gedanken.

Schule als Gegenort

Was von Sprachmaschinen bleibt, ist für mich deshalb weniger eine Antwort als ein Verdacht: Dass beim Gebrauch von Sprachmodellen nicht nur Arbeit abgenommen wird, sondern auch etwas still verschoben wird. Maßstäbe, unsere Geduld, Eigenanteile, vielleicht sogar das Verhältnis zum eigenen Denken zu unserer Sprache. Schule wäre dann nicht einfach der Ort, an dem man KI nutzt, sondern der Ort, an dem man diese Verschiebung aufmerksam bemerken lernt.

Zurück zum Lehrerzimmer. Die Kollegin, die ihre Elternbriefe mit ChatGPT geschrieben hat, hat nichts Falsches getan. Darum geht es nicht. Die interessantere Frage ist: Was lernen Schüler/innen mit, wenn sie so etwas beobachten, dass auch wir Lehrkräfte (wie mit den Handys) voll drin stecken? Welches Bild von Schreiben, Denken und Verantwortung tragen sie daraus weiter? Und gibt es im Unterricht am nächsten Tag irgendetwas, das diesem Bild widerspricht oder wo wir gemeinsam hinterfragen?

Nach der Lektüre von Simanowski würde ich sagen: Genau dort beginnt unsere eigentliche Aufgabe.

Roberto Simanowski: Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz. C.H.Beck, München 2025. 288 Seiten, 23€.

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