Die „Modem-Phase“ der KI

„Ich gehe mal eben ins Internet.“
Diesen Satz höre ich in meinen Klassen nicht mehr. Für Jugendliche ist das Netz kein Ort, den man betritt, sondern es ist einfach da. WhatsApp öffnen, Snap schicken, ein Video schauen, eine Aufgabe in ChatGPT lösen lassen: All das passiert, ohne dass jemand denkt „Jetzt gehe ich ins Internet“.

Wir Älteren erinnern uns noch an das Krrr-chhh-Piiep, an von Eltern streng zugeteilte „Online-Zeit“, an den Moment, in dem man bewusst ins Netz ging. Ich weiß noch, wie ich gehofft habe, dass gerade niemand telefonieren muss, damit die Einwahl klappt, weil wir nur zwei Telefonleitungen hatten. Das Internet war ein eigener Ort.

Was der Aufzug mit dem Internet zu tun hat

In einer Präsentation von Benedict Evans fand ich (Folie 83ff) ein schönes Beispiel: den Aufzug.
Früher gab es Aufzugführer, also Menschen, die den Fahrkorb bedienten. Auf Folie 87 sieht man die Anzahl der Aufzugführer von 1900 bis 1990. Bis etwa 1950 steigt die Kurve stark: Immer mehr Aufzüge und immer mehr Aufzugsführer. Um 1950 bringt Otis den „Autotronic“-Aufzug heraus, einen wirklich automatischen Aufzug. Danach fällt die Zahl der Aufzugsführer massiv, bis der Beruf fast verschwindet.

Heute drücken wir im Aufzug einfach einen Knopf. Niemand sagt: „Ich benutze jetzt einen automatischen Aufzug.“ Der Beruf ist verschwunden, die automatische Technik ist Hintergrund.

Wenn Technologie im Hintergrund verschwindet

Zuerst ist Technologie laut, sichtbar, umstritten. Wird sie zuverlässig und alltäglich, verschwindet sie aus unserer Aufmerksamkeit. Mit dem Internet ist genau das passiert. Aus „online gehen“ mit Modem wurde „einfach nutzen“. Aus „dem Internet“ als besonderem Ort wurde Infrastruktur.

Genau denselben Wandel erleben wir jetzt ein weiteres Mal.

Die „Modem-Phase“ der KI

Mit KI stehen wir am Anfang derselben Bewegung.
Aktuell reden wir ständig über „die KI“: Wir testen ChatGPT, Gemini & Co. Wir starten Pilotprojekte an Schulen. Wir schreiben Richtlinien, planen Fortbildungen und sammeln hier LinkedIn und sonstwo Ideen, Tipps und Tricks. (Diese ganzen AG, Kreise, Online-Fortbildungen, Netzwerktreffen – ich komm nicht mehr hinterher.)
Für die Älteren fühlt sich das ein bisschen an wie früher die Zeit der AOL-CDs, die in Zeitschriften klebten.

Das ist die „Modemphase“ der KI: alles neu, ziemlich laut, voller Faszination und auch Sorge. Und es ist noch etwas Besonderes, „die KI zu nutzen“.

Neulich in einer 12. Klasse haben wir gemeinsam ausprobiert, was ChatGPT telli kann. Es fühlte sich noch etwas künstlich an, die künstliche Intelligenz im Unterricht zu nutzen. „Wir nutzen jetzt KI.“, aber das wird sich ändern.

KI als stille Infrastruktur von morgen

In einigen Jahren wird vieles davon unsichtbar sein: Schreibprogramme schlagen automatisch bessere Formulierungen vor. Lernplattformen passen Aufgaben an Lernstände an, ohne dass wir ständig „KI“ dazu sagen. Verwaltungssoftware erkennt Muster in Daten und entlastet Schulleitungen und Sekretariate. (ist doch klar…)

Wir werden dann nicht mehr darüber sprechen, dass KI im Hintergrund arbeitet, sondern nur noch darüber, ob das Ergebnis transparent zustande kommt und hilfreich ist.

So wie Jugendliche heute nicht „ins Internet gehen“, werden wir morgen nicht „die KI nutzen“. Wir werden Anwendungen und Geräte nutzen, in denen KI ganz selbstverständlich eingebaut ist.

Der pädagogische Zwischenraum

Wir agieren gerade im „Zwischenraum“, in dem es einige Entscheidungen zu treffen gibt. Man könnte den Übergang so skizzieren:

  • Alt: „Ich gehe ins Internet.“
    Neu: „Ich bin einfach verbunden.“
  • Heute: „Wir probieren KI bewusst im Unterricht aus.“
    Morgen: „Natürlich ist das KI-gestützt. Die Frage ist: Wie und wofür?“

Wenn wir heute kluge Entscheidungen treffen, technisch, organisatorisch und vor allem pädagogisch, und dabei immer wieder fragen, was für Kinder und Jugendlichen wirklich wesentlich ist und Lernen unterstützt, dann wird die „unsichtbare“ KI-Infrastruktur morgen menschliche Bildung unterstützen, statt sie zu dominieren.

Für mich geht es also nicht darum, ob KI „in die Schule kommt“, sondern: Wer gestaltet, wie sie dort ankommt und welche Haltung zur Welt geben wir den Jugendlichen mit?

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