Beichtstuhl an der Schule (und was man dagegen tun kann)

1. April 2017 § 0 Kommentare

An unserer Schule hatten wir einen sog.“Beichtstuhl“.
Kurz gesagt, schreiben Schüler dort (in diesem Fall auf instagram) anonym, aber öffentlich zweifelhafte „Beichten“. Da die Accounts anonym angelegt werden und die „Beichten“ anonym gesendet werden, kommt man an die Quelle schwer heran.

Was ist ein sog. „Beichtstuhl“ und wie sind wir ihn in der Schule losgeworden?

Das Prinzip des Beichtstuhls läuft anscheinend seit einiger Zeit im Internet und funktioniert dreistufig:

1. Es gibt einen anonymen Inhaber eines instagram-Accounts, der z.B. www.instagram.com/beichstuhl_schuleXYZ heißt. Hinter diesem Account könnte ein Schüler der Schule stecken, aber auch jede andere beliebige Person. Diese Person nenne ich Betreiber des Accounts.

2. Es gibt dann die Gruppe der Beichtenden. Diese Personen berichten von Begebenheiten der „Schule XYZ“, in die sie verwickelt waren oder die sie beobachtet haben. Diese Personen haben sehr wahrscheinlich auch einen instagram-Account, denn sie senden ihre Textnachrichten („Beichten“) an den Betreiber. Eine einfache Beichte könnte sein:

Diesen Text schicken die Beichtenden dem Betreiber, der aus dem Text eine Grafik macht und diese auf den Account hochlädt. Diese Gruppe der Beichtenden nenne ich Zulieferer.

3. Schließlich liest auch noch eine Gruppe von Personen diese Texte. Mitlesen kann auf zwei Arten geschehen: als sichtbarer Abonnent, d.h. als Follower oder als stiller Mitleser. Stille Mitleser gibt es nur, wenn der Account öffentlich ist, also für jede Person mit Internetzugang frei lesbar.
Es kann jedoch sein, dass der Account als geschlossene Gruppe angelegt ist und dann nur auf Antrag zugänglich gemacht wird. In geschlossenen Gruppen gibt es also keine stillen Mitleser.
Diese dritte Gruppe insgesamt nenne ich das Publikum.

Also in Kurzform:
Ein Zulieferer sendet eine Textnachricht („Beichte“) an einem Betreiber, der aus dem Text eine Grafik macht und auf den Account hochlädt und so dem mitlesenden Publikum zur Verfügung stellt.

So weit, so pubertär, so fremdschäm-peinlich, so beliebig.

Vielleicht ließe sich bis zu diesem Punkt die Aktion als „Klowand-Kritzelei mit erhöhter Reichweite“ verharmlosen.
Aber…

Kriminell wird es dann, wenn auf so einem weltweit zugänglichen Account

  • Namen oder eindeutige Namenskürzel von Lehrern oder Schülern genannt werden
  • Personen des Schulgeschehens diffamiert und bloßgestellt werden.
  • Lügen verbreitet werden.
  • Handlungen (in der Schule) beschrieben werden, die strafbar sind.
  • private Themen veröffentlicht werden.

Beispiel:
An unserer Schule haben sich Schülerinnen einem (selbst betroffenen!) Lehrer anvertraut, dass sie Angst hätten, dort veröffentlicht zu werden.
Die über unsere Schule verbreiteten „Beichten“ waren zwar zum Teil von der obigen Qualität (z.B. „ich, m/15,  liebe eine Schülerin w/15, aus der 9ab“), aber auch aus dem kriminellen Bereich: offensichtliche Lügen waren ebenso darunter, wie unglaubliche Bloßstellungen, Beleidigungen, aus der Luft gegriffene Behauptungen.

Was kann man gegen einen Beichtstuhl tun?

1. Ruhe bewahren.

2. Mit einem eigenen Account sich auf dem Account umschauen. Sich auch in geschlossenen Gruppen anmelden. Ich bin trotz eines Accounts, der offensichtlich einem Erwachsenen gehört, in jede geschlossene Gruppe aufgenommen worden. Denn die Betreiber suchen ja das Publikum.

3. Bilder und damit Beweise sichern, z.B. Screenshots machen. Es handelt sich hier in vielen Fällen um Cybermobbing. Klicksafe bietet einen Überblick.

4. Überlegen und entscheiden, ob man die betroffenen Personen, über die geschrieben wurde, über alles in Kenntnis setzen möchte. Es dürfte kein gutes Gefühl sein, wenn sehr viele Personen etwas über die eigene Person wissen, aber man selbst weiß es nicht.

5. Das Publikum und die Kommentare unter den Bildern anschauen und sichern. Oft sind die Schüler mit ihren Klarnamen oder leicht veränderten Namen angemeldet, so dass eine Gruppe von Schülern ermittelt werden kann, die aktiv ist: eine Kleingruppe, eine Klasse, ein Jahrgang.

6. Die Schulaufsicht in Kenntnis setzen und sich beraten. Darüber nachdenken, unmittelbar die Polizei einzuschalten bzw. einschalten zu müssen.*

7. Lässt sich bereits jetzt erahnen, aus welche Ecke der Schule der Account kommt? Dann mit den Beweisen Entscheidungen treffen und selbst ermitteln, wenn keine Straftaten vorliegen.

An dieser Stelle habe ich mich dann für einen arbeitsintensiven, direkten Weg entschieden. Es lässt sich auch denken, ab dieser Stelle anderen die Regie zu übergeben.
Ich habe mir ca. 10 solcher „Beichten“ gespeichert, die Namen geschwärzt, diese Bilder in ein Dokument gepackt und auf eine OHP-Folie gezogen. Mit dieser Folie bin ich ohne Vorwarnung in die Klassen der vermuteten Jahrgänge (s. Schritt 5) gegangen. Also auch die Lehrkräfte wussten nichts. Im Klassenraum dann folgender Ablauf:

a. „wer kennt instagram?“ (=> meist gingen alle Hände hoch.)
b. „wer kennt den Beichtstuhl der Schule nicht?“ (=> meist gingen pro Klasse nur noch 1-2 Hände hoch)
c. Ansprache über Respekt unter Menschen.
d. offene Konfrontation, was wohl öffentliche Beichten mit Menschen machen, die bloßgestellt werden. Niemand kann das von sich selbst wollen.
e. Beispiele geben, d.h. OHP-Folie auflegen.
f. Schritte c. und d. wiederholen.
g. Betreiber und Zulieferer diskreditieren und zugleich das Publikum in die Pflicht nehmen. (s. unten)
g. Unterstellen, dass die Accountbetreiber bekannt sind.
h. „Wenn das bis morgen 12Uhr nicht gelöscht ist, hole ich die Polizei. Richtet das den Accountbetreibern aus.“*

ich freue mich, dass an unserer Schule die guten Kräfte stark waren und offensichtlich Druck auf den/die Account-Betreiber ausgeübt haben, so dass die Bilder rechtzeitig gelöscht waren.  Die Schüler/innen haben das mit sich geklärt, dass sie das nicht mehr wollen. Und die Polizei musste nicht kommen. Ich habe allen SuS aller Jahrgängen per Mail erläutert, dass die Aktion beendet ist. Und wir jetzt nach vorne schauen, für einen respektvollen Umgang miteinander.

Aufklärungsarbeit über Cybermobbing, über vermeintliche Anonymität im Netz ist weiterhin stark notwendig. Aber welches Fach übernimmt die Regie, so dass alle Schüler/innen in allen Jahrgängen ein Grundwissen haben sollten?

Zum „Publikum„.
Wenn ein Betreiber eines solchen Accounts nicht auf Publikum trifft, dann wird diese Idee im Sande verlaufen. Da aber sehr viele fast alle Schüler mitgemacht, schweigend zugeschaut haben, muss diese Gruppe auch betrachtet werden. Denn sie sagt leider ebenfalls etwas aus. Es erscheint so einfach, sich über „dumme Mitmenschen“ lustig zu machen und es ist zugleich so traurig, wenn man das braucht, um sich besser zu fühlen. Aber viele aus dem Publikum haben in Gehässigkeit über die genannten Personen und belustigt über die Zulieferer mitgelesen – ohne sich an die Betroffenen oder die Schule zu wenden.
An dieser Stelle entsteht also der Gedanke, das Publikum stark zu machen, diese Aktion nicht witzig zu finden, sich also davon abzuwenden und zugleich diese Aktion an der richtigen Stelle zu melden. Und dauerhaft an der Art und Weise zu arbeiten, wie wir miteinander reden und arbeiten wollen.

 

 

* auch wenn deren schneller Erfolg (bzw. überhaupt Zugriffsmöglichkeit auf eine amerikanische Webseite) in keiner Weise sicher ist.

 

Update:
In diesen Tagen berichten ebenfalls über dieses Phänomen:

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